Startseite - Autor - Mein erstes Mal

Mein erstes Mal

Jetzt ist es doch schon soweit. Die "paar Tage" sind schneller vergangen, als erwartet. Meine Tochter ist schon fertig angezogen, ihre Freundin wartet auch schon. Nur ich weiß nicht, was ich am besten anziehe. Reitkleidung habe ich nicht, aber dies sei am Anfang auch nicht nötig, erklärte die Reitlehrerin, als ich aus Versehen den Termin für mich vereinbarte. Also greife ich den Autoschlüssel und gehe, mit Jogginghose und ein Paar alten Halbschuhen bekleidet, ebenfalls nach draußen. - Was? Ja, sicher habe ich auch einen Pullover und eine Winterjacke an.

Auf dem Reiterhof angekommen, drückt man mir noch einen Reiterhelm in die Hand. Den soll ich aufsetzen. Na gut, wenn's gefällt. Mein Pferd steht schon fertig vorbereitet da und wartet geduldig. Es ist braun. Wie fast alle Pferde. Dann soll ich mich neben das Pferd stellen und das linke Bein anwinkeln. Plötzlich fliege ich - von Frauenhand bewegt - nach oben. Auf dem Pferd angekommen, rutsche ich auf der anderen Seite fast wieder herunter. Da ist nichts, aber auch wirklich gar nichts zum Festhalten. Irgendwie falle ich dann doch nicht auf der anderen Seite wieder herunter, und von meiner momentanen Not hat offenbar niemand etwas bemerkt. Gut, geschafft, denke ich noch. Meine Füße werden beidseitig von jemandem in die Steigbügel gesteckt, und schon setzt sich das Pferd in Bewegung. Es wird von einer anderen Frau zum Reitplatz geführt. Und ich sitze oben drauf. - Haben die das vergessen?! Das wackelt und schaukelt, mal nach rechts, dann nach links, nach oben, nach unten, nach vorn und nach hinten, ich weiß gar nicht, was ich machen soll. Von oben sehe ich, wie unter mir der Boden schwankt. Aufhören, ich will wieder 'runter! Denke ich. Ich könnte es schreien.

Auf dem Reitplatz bleibt das Pferd stehen. Die Frau hakt den Karabinerhaken einer langen Leine in einen Ring am Pferd. Dann geht sie langsam von uns weg. Dem Pferd ruft sie irgendetwas zu und droht ihm mit einer Peitsche. Jenes setzt sich in Bewegung. Ich starre wieder auf den Boden unter mir. Genau wie vorhin schaukelt alles ganz fürchterlich. Aber diesmal vielleicht doch nicht ganz so schlimm. Wenn das so bleibt, kann ich mich eventuell daran gewöhnen. Denkste! Der Frau ist das Pferd wohl zu langsam: Sie knallt mit der Peitsche, schreit irgendwas, das Pferd macht einen Satz nach vorn, ich falle fast herunter auf das Eisengeländer, das den Reitplatz begrenzt, und ab jetzt schaukelt alles viel schlimmer als vorher. Bei jeder Runde bin ich froh, wieder die Innenseite des Platzes erreicht zu haben, möglichst weit weg von dem Eisengeländer. Da ist es schon wieder. Wenn ich da draufstürze, breche ich mir bestimmt die Wirbelsäule. Lieber falle ich dort in der Mitte in den Dreck.

Ich schließe mit dem Leben ab. Mehrmals. Da weiß ich aber noch nicht, was mir als Nächstes bevorsteht: Ich werde nämlich von der Frau gelobt, dass es doch schon ganz gut aussähe, wie ich auf dem Pferd sitze. Ich lächle also stolz (ziemlich verkrampft). Ich lächle auch noch, als sie auf Tschechisch sagt, dass wir jetzt 'mal "klus" versuchen, denn ich habe noch keine Ahnung, dass das auf Deutsch "Trab" heißt, und die nächst schnellere Gangart ist. Danach käme dann nämlich schon der Galopp. Nur, um das einmal zu verdeutlichen! Das Pferd trabt also an. Ich stürze etwa fünfzehnmal fast vom Pferd, um dann jedesmal von seinen Hufen zermalmt zu werden. Die Reitlehrerin artikuliert ihre Freude darüber, dass ich immer noch so schön auf dem Pferd sitze. Da ist wieder das Eisengeländer rechts unter mir. Durch die Bewegungen des Pferderückens wird meine Wirbelsäule so gestaucht, dass ich sicherlich für den Rest meines Lebens auf den Rollstuhl angewiesen sein werde. Das Steißbein ist mit Bestimmtheit nicht mehr zu gebrauchen (Wie soll ich dann eigentlich im Rollstuhl sitzen?). -

Die Stunde ist zu Ende!!! Ich darf absteigen!!! - Ja. Schön. Wie komme ich jetzt wieder herunter? Was mir zu diesem Thema kurz erklärt wird, klingt abenteuerlich. Ich versuche es: Zitternd vor Kraftlosigkeit schaffe ich es, mich nach vorn zu beugen und mein rechtes Bein hinter mir auf die linke Seite zu "schwingen". Dann rutsche ich langsam am Pferd herunter. Meine Beine rutschen dabei unter das Pferd. Nach einer scheinbar endlosen Phase des freien Falls schlage ich mit den Füßen auf dem Erdboden auf. Ein blitzartiger Schmerz durchzuckt gleichzeitig alle Gelenke der unteren Gliedmaßen. Ich komme ins Wanken, denn die Beine versagen für einen Moment ihren Dienst, ich kann mich aber irgendwie halten. - Es ist vorbei! Ich habe überlebt! Nie wieder werde ich solch einen Unsinn mitmachen! So ein Leichtsinn! So ein Wahnsinn! Wie konnte ich nur auf so eine dumme Idee kommen? Reiten. Mit über vierzig Jahren! Haha!

Ich soll das Pferd bitte einen Moment halten. Was, wie? Nur hier am Zügel halten. Der läuft nicht weg. Warum muss ich ihn dann halten?, denke ich. Richtig, die Pferdemädchen sind alle in der Schule, und konnten sich deshalb heute nicht auf die Pferde stürzen, als wir zurückkamen.

Das große Pferd lässt sich wirklich von mir halten. Und läuft wirklich nicht weg. Er reibt sich sein Gesicht an meiner Jacke, so dass ich fast umfalle. Dann kommt er ganz dicht mit seinem Kopf an meinen. Will der kuscheln? Irgendwie ist mir das ja unheimlich. Aber er ist sehr vorsichtig. Als wenn er wüsste, dass ich mich mit meinem Kopf schon ein wenig zimperlich habe. Hoffentlich sieht das meine Tochter nicht, der ich immer wieder erklären muss, dass man Tiere nicht an sein Gesicht lässt. Wegen der Infektionsgefahr und so. Sie wissen schon, was ich meine. Das muss ich Ihnen sicherlich nicht erklären. Aber ich kann dem Pferd doch jetzt nicht sagenů Außerdem ist das gar nicht so unangenehm. Und er meint das bestimmt nett. So ein großes Pferd, (er)trägt mich geduldig eine Stunde auf seinem Rücken und will dann noch mit mir kuscheln! Das Pferd schaut mich an und bläst mir leise in's Gesicht. Ganz vorsichtig. Ein Pferd riecht eigentlich gar nicht schlecht, denke ich und streichle ihn ein wenig am Hals.

Endlich kommt die Reitlehrerin und nimmt mir das Pferd wieder ab. Schade. Ich frage sie, wie viel Zeit man denn so zwischen den Reitstunden lässt. Sie erklärt mir etwas über den Muskelkater, den ich zu erwarten hätte, und meint, drei Tage Pause wären nicht schlecht. Ich bezahle die Reitstunde, das Pferd schaut mich an, und ich höre mich den nächsten Termin in drei Tagen vereinbaren. Mit diesem Pferd da. Wie heißt er eigentlich? - Aramis.